Offener Brief an Simone Tolle von Arash Dosthossein

Liebe Simone Tolle,

für Ihren liebevollen, gefühlvollen und energischen Brief danke ich Ihnen ebenso wie für Ihre Kritik. Ich sah es als meine Pflicht an, Ihnen darauf zu antworten. Ich betone, dass es sich dabei um meine persönliche Meinung und meine individuelle Antwort handelt. Seit ich Sie das erste Mal in der ersten Phase unseres Streiks vor dem Rathaus gesehen habe, ist viel Zeit vergangen, in der Sie voller Liebe und Sorge um mein Leben und das meiner Mitstreiter um das Ende unseres Hungerstreiks gebeten haben. Ab diesem ersten Mal, als ich sie getroffen habe, habe ich Sie nicht als Politikerin gesehen, sondern als Mensch mit menschlichen und menschenfreundichen Gefühlen. Oft haben Sie uns besucht und uns Ihre Solidarität verkündet. Sie haben viel Zeit mit uns verbracht und viele gute Vorschläge für das Fortsetzen unseres Protestes gemacht. Sie und Matthias Grünberg, der regelmäßig viele Stunden bei uns gesessen hat, haben uns Zuversicht und Hoffnung geschenkt. Niemals vergesse ich die Nacht, in der Sie bis zum Morgen mit uns im Zelt ausgeharrt haben. In dieser Nacht wurde mir klar, dass Sie mit dieser Aktion weniger an politische Ambitionen gedacht haben, als unseren Protest unterstützt und mit uns gegen die unmenschliche Asylpolitik gekämpft haben. Sie erinnern sich, das während des Protestes im Mai meine Mutter, die ich viele Jahre nicht gesehen habe, gestorben ist. Sie haben mit mir gefühlt. Die ganze Unterstützung und Ihre Solidarität bedeuten mit viel und ich werde sie nicht vergessen. Ich bin mir sicher, das am Ende dieser politischen Aktion alle glücklichen und traurigen Momente für uns wertvolle Erinnerungen sein werden und ihr Scheitern oder Gelingen ist für uns alle ein politisches Zeugnis. Auch vor Ihrer Kritik an der neuen Form unseres Protestes habe ich sehr viel Respekt. Nicht nur, dass ich darüber nicht empört bin; vielmehr freue ich mich sogar darüber. Als Marxist und jemand, der an die Dialektik glaubt, weiß ich gut, dass jede These eine Antithese hat, und am Ende eine Synthese steht. Und als Materialist kann ich nicht mit metaphysischem Blick auf die Politik schauen; ich glaube daran, dass diese neue Form unseres Protests weder richtig noch falsch ist. Die Synthese dieser Aktion wird das zeigen. Bertolt Brecht sagt: wer kämpft kann scheitern, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. Die Möglichkeit des Scheiterns ist unsere eigene Entscheidung. In dieser Aktion auf der Straße, da alle Erfahrungen während der Aktion gewonnen werden, ist alles möglich. Nur weil es auch die Möglichkeit des Scheiterns gibt, können wir auf Versuch und Irrtum nicht verzichten. Das ist der Ursprung des Menschen, durch den die Menschheit ins 21. Jahrhundert gelangt ist. Die heutige Welt mit allem Guten und Schlechten, allem Hässlichen und Schönen ist das Resultat eines historischen Versuchs und Irrtums. Aber meine Meinung über die neue Form des Protests ist, dass es sich um keine radikale Methode handelt, Radikalität ist viel mutiger und ehrwürdiger als unsere Bewegung hier. Holger Meins, der mit großem Mut sein Leben verloren hat, um in den 70er Jahren Deutschland vor die Frage nach den Menschenrechten zu stellen, ist ein Beispiel für Radikalität. Wenn es diesen Mut in mir gäbe, wäre ich im Iran geblieben und hätte dort Widerstand geleistet, anstatt zu fliehen. Aber meine Flucht bedeutet, dass ich leben will. Leben unter menschenwürdigen Bedingungen und mit Standards des 21. Jahrhunderts, nicht wie ein Sklave oder Gefangener. Neben mir ist die Frau, mit der ich mein Leben teilen möchte, in den Streik getreten. Trotz meiner Einwände hat sie sich für diesen Schritt entschieden und sich uns angeschlossen. Was glauben Sie warum? Weil wir für das Zusammenleben eine Genehmigung brauchen. Eine Genehmigung, die wir, weil wir nicht verheiratet sind, nicht bekommen haben. Die lächerliche und verachtentswerte Residenzpflicht hat uns das Zusammenleben unmöglich gemacht. Denken Sie darüber nach, im Europa des 21. Jahrhunderts, in Deutschland müssen zwei erwachsene Menschen für ihr Zusammensein um Erlaubnis bitten? Als Bürger zweiter Klasse bekommen sie eine solche Erlaubnis nicht. Wir müssen also als politische Flüchtlinge anerkannt werden, um das Recht auf ein normales Leben mit dem Menschen, den wir lieben, zu bekommen. Deshalb hat Mandana sich entschieden, hier bei mir zu sein. Für das Zusammensein gab es keinen anderen Weg. Liebe Simone Tolle, unsere Aktion ist nicht radikal. Es ist ein stiller Schrei, dass wir auch Menschen sind und nur wie Menschen leben wollen. Für uns alle muss geklärt werden, im freien Europa des 21 Jahrhunderts, ob das Leben eines Menschen wichtiger ist oder irgendwelche Papiere laut irgendwelcher Gesetze. Gesetze, die heute in der Regierung einer Partei gut sind, und in der Regierung einer anderen Partei schlecht. Sie haben sich in den letzten drei Monaten gut um uns gekümmert; haben an unseren Demonstrationen teilgenommen. Aber für die Verantwortlichen in der Asylpolitik tut es mir sehr leid, dass sie nicht einmal nachfragen, warum wir das getan haben. Liebe Simone Tolle, Sie und ich sind Teil einer der größten Bewegungen in der Asylpolitik in Europa. In sehr naher Zukunft werden wir alle Zeuge großer und wichtiger Ereignisse innerhalb dieser Bewegung in Deutschland werden. Die Ablehnung ihrer Bitte, meine Lippen zu öffnen, dürfen Sie nicht als Respektlosigkeit verstehen. Mein Nein-Sagen dürfen Sie nur sich selbst gegenüber als jugendlichen Leichtsinn deuten; ansonsten ist es eine politische Aktion. Ich will, dass Sie wissen, dass Sie mir und den anderen sehr wichtig sind. Aber für uns und die Öffentlichkeit muss sich zeigen, ob ein Menschenleben wichtiger ist oder die Bürokratie?

Ihr Freund Arash Dosthossein

 

Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag via RSS 2.0 Feed erfolgen. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von deiner eigenen Seite.

Schreibe einen Kommentar

XHTML: Diese Tags kannst Du benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>